Handorf, Greten

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Greten Handorf mit ihrer Kutsche

Margarethe (Greten) Handorf, geb. Rohwer (* 1880 in Wrohm (Holstein) † 18. Januar 1944 Cuxhaven) war eine Unternehmerin in Cuxhaven.


Bericht der Cuxhavener Presse 1966

In einem Sonderheft zum 150-jährigen bestehen des Nordseebades Cuxhaven schreibt die Cuxhavener Presse folgendes über Greten Handorf:

Bei einem Rückblick auf die 150jährige Geschichte unseres Nordseebades darf man eine Frau nicht vergessen, die zwischen den beiden Weltkriegen - als einziger weiblicher Reeder Deutschlands - von Cuxhaven aus Tausende von Kurgästen auf ihren Schiffen befördert hat. Wer in Brunsbüttelkoog die weltberühmten Kanalschleusen besichtigen oder einen besonders preiswerten Tagesausflug nach der Felseninsel Helgoland unternehmen wollte, der kaufte sich am Kutterhafen in Cuxhaven bei Greten Handorf eine Fahrkarte. Und wer außerdem Freude an schlagfertigen und urwüchsigen Zeitgenossen hatte, der kam bei „Greten" voll auf seine Kosten. Ihr sei darum aus Anlaß des Cuxhavener Badejubiläums folgender Gedenkartikel gewidmet.

Was „Hummel-Hummel" für Hamburg, war Greten Handorf für Cuxhaven. Ehe sie zum berühmtesten Original unserer Stadt wurde, war Greten eine brave Fischersfrau, die ihrem Hannes, dem wagemutigen Krabbenfischer Handorf, von Holstein nach Cuxhaven gefolgt war, weil der 1908 gegründete Fischmarkt guten Verdienst versprach.

Als Tochter eines Schuhmachers war sie 1880 im Holsteinischen geboren worden. Die blutjunge Deern heiratete den ebenso jungen Draufgänger, der mit seinem Kutter bei jedem Wetter vor der Elbmündung fischte. Greten übernahm den Verkauf der Fänge. Und wie sie die verkaufte! Mit ihrer grellen Stimme übertönte sie alles ...

Ja, ihre Stimme: sie hatte Ähnlichkeit mit dem Organ der unvergessenen Berlinerin Claire Waldorff, wenn sie „Hermann heeßt er" sang. Käptn Grete war rauh, aber herzlich im Umgang mit ihren Mitmenschen. Wer sich ihrem Willen widersetzte, tat gut daran, vorher sein Testament zu machen. Wer ihre Eigenheiten respektierte, konnte mit Greten Pferde stehlen. Die Kurgäste, die mit Gretens Schiffen fuhren, waren ihre besten Freunde. Und so mancher von den Älteren wird sich noch mit leiser Rührung an sie erinnern...

Erst wohnten Greten und ihr Hannes am Alten Weg, dann kauften sie sich ein Haus an der Neuen Reihe. Als der erste Weltkrieg das Fischen unmöglich machte, zog Greten bei Nacht und Nebel mit Brötchen nach dem Minensucherhafen und versorgte die Soldaten. Nach dem Krieg fuhr Hannes Handorf wieder auf Krabbenfang.

Doch Greten erkannte die Konjunktur: die Badegäste, die in Cuxhaven Erholung suchten, wollten zur See fahren. Der Krabbenkutter „Grete" wurde auf Lustkutter umgebaut, der 45 Personen faßte. Er verkehrte zwischen Cuxhaven und Brunsbüttelkoog und machte Fahrten bis nach Helgoland. Bald kam die „Annemarie" hinzu, ein größeres Schiff für 84 Passagiere.

Greten, die beim Fisch- und Brötchenverkauf gelernt hatte, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, rührte fleißig die Werbetrommel. Sie behing sich vorn und achtern mit Schildern, auf denen zu lesen war, daß die „Grete" demnächst eine Mondscheinfahrt in See machen würde. Und die Kinder, die Greten Handorf derart geschmückt durch die Straßen laufen sahen, hatten ein großes Vergnügen.

Fährdampfer MERKUR am Fähranleger

Greten, ging mit der Zeit. Als der Geldbeutel es erlaubte, kaufte sie 1926 den Fährdampfer „Merkur". Bis 1938 war sie der Reeder. Dann übernahm die Hapag den Dienst. In diesen zwölf Jahren nahm man es von Cuxhaven bis Berlin zur Kenntnis, daß am Tor zur Welt eine tüchtige Frau lebte, die sieh die Butter nicht vom Brot nehmen ließ. Und als eine Behörde dies einmal versuchte, zog sie den Kürzeren. - Die Behörde, nicht Greten ...

Das Verkehrsministerium machte wegen der Fähre Schwierigkeiten. Ehe der Papierkrieg Greten zur Strecke gebracht hatte, setzte sie sich auf die Bahn und fuhr nach Berlin. Wer hier der Böberste sei, wollte Greten auf Plattdeutsch wissen, denn mit der hochdeutschen Sprache hatte sie nicht viel im Sinn. Der Herr Minister sei nicht zu sprechen, antwortete die Vorzimmerdame. „Ick kann töben", sagte Greten, zog die drückenden Schuhe aus und verzehrte genußvoll ihr Butterbrot, das mit Limburger Käse belegt war.

Schließlich wurde es Greten zu bunt. Mit ihrem lauten Organ hatte sie es dann geschafft, daß sich ein höherer Herr nach der Ursache des Lärms erkundigte. Nun stand plötzlich die Tür zum Gewaltigen offen. So schnell konnte Greten aber nicht in die Schuhe schlüpfen. „Denn nicht", sagte sie und ging auf Strumpfsocken in das Allerheiligste.

Der zuständige Ministerialrat verstand Platt und Spaß dazu. Und daß Greten „Du" zu ihm sagte, wie sie es bei allen tat, machte ihm ein besonderes Vergnügen. Der weibliche Reeder war kein großer Redner, aber was Greten sagte, hatte Hand und Fuß. Und der Beamte ließ sich von ihren Argumenten überzeugen. Von da an hatte Greten Ruhe vor behördlichen Eingriffen.

„Vor Ihnen muß man den Hut abnehmen“, sagte zum Abschied der Ministerialrat. Seine Sekretärin aber rümpfte die Nase, denn noch lange duftete das Vorzimmer nach köstlichem Limburger.

Tagaus, tagein stand Greten Handorf am Kutterhafen an der Fähre und verkaufte die Fahrkarten. Andere konnten das nicht. In Geldsachen durfte man niemandem über den Weg trauen. Am liebsten hätte sie alles im Ein-Mann-Betrieb gemacht. Und das war wohl ihr größter Fehler. Die Gäste aber waren nicht böse darüber, denn wenn Greten mit der großen Umhängetasche auf der Brücke stand, gab es immer Spaß. „Schatz, mach Kasse!" sagte Greten.

Als ihr das Rheuma zu schaffen machte, kaufte sie einen Wagen. Greten war modern: Es mußte ein Auto sein. Ein Schiffsjunge sollte sie fahren. Er konnte mit dem Kuppeln nicht klarkommen. Da bescbloß Greten, das Steuer selber in die Hand zu nehmen.

Schon bei der ersten Fahrt brauste ihr „Mollmobil', ein Elektrowagen, durch den Slippen gegen des Brückengeländer der Wettern, die damals noch am Hohenzollernhof floß. „To Hölp, to Hölp!" schrie Greten und stand aufrecht in ihrem Wagen, die Arme zum Himmel gereckt. Doch eine Kollision kann eine Kapitänsfrau nicht entmutigen. Greten suchte ein Übungsgelände für ihren (führerscheinfreien) Wagen. Sie ging zum wachhabenden Offizier der Grimmershörnkaserne und bat um Erlaubnis, auf dem Kasernenhof das Fahren zu lernen. „Unmöglich!" sagte. der schockierte Offizier. Das hatte ihm noch keiner geboten

Da stieg Greten aus der Technik aus und schaffte sich ein Ponywägelchen an. Die Lederkappe vom Auto behielt sie als wehmütige Erinnerung und kutschierte nun mit einem , PS durch Cuxhaven. „Nauk", das braune Pferdchen, machte solche Zicken nicht, wie das Mollmobil. Nur einen Fehler hatte Nauk: Wenn er „Hüh!" hörte, einerlei von wem, raste er los, und Greten mußte ihr Gespann suchen.

Lotsen und Fischer machten sich gar zu gerne einen Spaß mit ihrer alten Freundin. „Ji Oes!" schimpfte Greten dann. Sie sollten nicht lange ihre Freude haben, denn Greten erfand ein Bremspatent. Wenn sie halten mußte, hing sie „Nauk" ein Zehn-Pfund-Gewicht am langen Strick um den Hals.

Kutsche mit Schimmel Minka auf dem Strichweg

Auf Nauk folgte die weiße "Minka". Der treue Schimmel wurde bald ebenso bekannt wie seine Herrin, die nun an der Fähre vom Wagen aus ihre Karten verkaufte. Wenn es stürmte oder Nebel war, fragte wohl mal ein besorgter Binnenländer, ob das Schiff bei solchem Wetter auch fahren könne. „Mien Schipp föhrt jümmers!" sagte Greten mit grimmigem Tonfall.

Als ihr Lebensschiff zum letzten Mal fuhr, folgten viele alte Freunde ihrem Sarg, obwohl zu dieser Zeit - es war 1944 - jeder mit sich selbst genug zu tun hatte. Sie starb, wie sie es sich gewünscht hatte: ohne langes Krankenlager. Am Herzschlag. Im Wirbel der Nachkriegszeit wurde sie rasch vergessen.

Wir glaubten es „Greten" schuldig zu sein, ihr Lebensbild zum Badejubiläum noch einmal aufzuzeichnen.