Roy Clark

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Roy Clark - das Fantom

Roy Clark war ein in Cuxhaven-Altenbruch wohnhafter Eisenbahn-Erpresser.

Prolog

1967 bringt der Sänger `Hektor von Usedom´ einen Schlager unter dem Titel: `Roy Clark Ballade´ auf den Markt. Dieser Schlager beinhaltet nicht nur das bis heute andauernde Rätsel um den Interpreten [1], er beinhaltet in seinem Text gleichzeitig den Abschnitt: "Ein Zug entgleist und keine Spur - Roy Clark. Wer weiß, wo's morgen wieder tickt, wenn er den nächsten Zug zur Hölle schickt." Worum handelt es sich hier?
Zu der Zeit hielt eine Erpressungs- und Attentatsserie Deutschland gleichermaßen in Atem wie Jahre später der sogenannte `Dagobert´, nur dass erstere heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Der Mann dahinter nannte sich `Roy Clark´ oder auch das `Fantom´.

Einleitung

Alexander Bordan H. [2], am 1. Mai 1927 in Celle als Sohn eines Ukrainers und einer Polin aus Tschenstochau geboren, gehört während der Hitlerzeit als Nicht-Arier zur untersten völkischen Rasse. Unter anderem ist dieses der Hemmschuh für den intelligenten Mann. Nach achtjähriger Volksschule bricht er eine Malerlehre ab, weil er wegen Diebstahls in seinem Betrieb verurteilt wird. Er hatte Material kaufen wollen, um sich etwas zu verdienen, was ihm jedoch sein Lehrherr versagte. Ein zweiter Diebstahl folgt. Er stiehlt 26 Eier, um sie hungernden russischen Gefangenen zu geben. Wieder wird er inhaftiert, heftig misshandelt und bekommt Tuberkulose. Später wird er in Frankreich Bergmann, geht dann für fünf Jahre in die Fremdenlegion [3] nach Indochina [4], ohne mental wirklich Soldat zu werden. Danach, wieder in Deutschland, verdingt sich der staatenlose H. abwechselnd bei einer Spreng- und Tauchfirma, als Hafenarbeiter, zumeist aber als Kraftfahrer verschiedener Cuxhavener Unternehmen. Er ist überall als fleißig aber verschlossen bekannt. Er heiratet zweimal, bekommt Kinder. Die Ehen scheitern, seine zweite Frau überzieht ihn, mehr noch als die erste, mit Unterhaltsforderungen, versucht des in dritter Ehe für 28.000 DM erworbenen Hauses habhaft zu werden. Mit dieser dritter Frau Waltraut lebt er ab 1965 in Altenbruch im Wehdemacker 10 und hat nun für 5 Kinder Unterhalt zu leisten. Folgerichtig wird er durch den fortwährenden sozialen Druck der ständig wachsenden Schulden zum Trinker.

1959 hat H. durch die Belastungen hohe Schulden angehäuft. Diese führen ihn in die Kriminalität. Den Ausschlag dafür gibt ein Fortsetzungsroman in der Bild-Zeitung mit dem Titel: `Teufel am Telefon´, der zwischen dem 23. Februar und dem 25. März 1959 abgedruckt wird. Darin bombt sich ein kleiner, untersetzer, glatzköpfiger Mann um die 50 namens Roy Clark durchs Leben, um sich mit Erpressungen und Sprengstoff-Attentaten mit Nitroglycerinbomben an der Gesellschaft zu rächen für erlittenes Unbill. Damit hat H. sein Vorbild, nur will er es besser machen, geschickter, sich nicht erwischen lassen. So beginnt er drei Monate später seinen `Aufstand´ gegen sein Leben. Er bringt ihm etliche Titel ein wie: `Deutschlands Staatsfeind Nr. 1´ [5], `gemeingefährlichster Erpresser und Bombenleger der Nachkriegszeit´ [6] oder `Bestie in Menschengestalt´ [7]. Kaum ein anderer Verbrecher hatte zuvor eine derartige Publicity in der Bundesrepublik. Am Ende stehen 12 Erpresserbriefe, 3 Sprengstoffattentate und 2 weitere Anschläge, sowie seine Verhaftung.

Geschichte

Im Mai 1959 schickt er aus Pforzheim sein erstes Schreiben an die Bundesbahndirektion Hamburg 50. Darin fordert er 300.000 DM und droht, einen Zug bei vollem Tempo entgleisen zu lassen. Dummerweise vergisst er, einen Übergabeort anzugeben und ein Anschlag erfolgt nicht.

Am 15. Oktober 1966 beginnt er, ernst zu machen. In der Zeitung hatte es einen Aufruf an einen anderen Erpresser gegeben, sich zu melden. Dieses sieht er als ein `Zeichen´ an. Nunmehr verlangt er von Buxtehude aus 50.000 DM. Als es keine Reaktion der Bahn gibt, lässt er am 8. Dezember nach vorheriger telefonischer Warnung an die Hamburger Bildzeitung im Hamburger Hauptbahnhof das Schließfach 134 explodieren. Im Gegensatz zur Romanfigur verwendet er eine Trinitrotoluol-Zeitzünderbombe. Es kommt zu keinen Geschädigten. Bereits am nächsten Tag fordert er 120.000 DM, wiederum reagiert die Bahn nicht.

Erst am 13. Mai 1967 antwortet das Fantom darauf. An der Nordseebahnstrecke zwischen Bremerhaven und Bederkesa biegt er mit einem Wagenheber ein Gleisende [8] 32 cm hoch und unterfüttert es mit Holzbalken. Der Anschlag gilt einem Arbeiter-Triebwagen, der besetzt mit ca. 100 Personen `wie eine Rakete abheben´ würde [9]. Jedoch irrt sich Clark im Fahrplan und übersieht einen Güterzug, der mit seiner 50 Tonnen-Lokomotive das Hindernis platt walzt. Jetzt erklärt sich die Bahn bereit, auf seine am Ort hinterlassene Forderung von (diesmal) 200.000 DM einzugehen, sofern er fünf (Fang-) Fragen beantwortet. Er durchschaut das Spiel und antwortet erbost. Es kommt zu keiner Übergabe.

Weiter geht es am 16. September. Er spannt auf der Strecke Hamburg - Harburg eine 50 kg schwere Strahltrosse 12 Meter weit quer über die Schienen zwischen zwei Leitungsmasten. Sie wird von einem Zug zerrissen.
Tags darauf explodiert wieder am Hamburger Hauptbahnhof das Schließfach 236. Es kommt zu einem Verletzten.
Am 25 d.M. kappt er auf einer 500 Meter langen Strecke zwischen Bremen und Oldenburg alle Signalkabel, der Anschlag wird jedoch entdeckt. Am 2. Oktober explodiert unter einem Triebwagen eine Bombe. Sie durchschlägt den Boden, verletzt wird ein Postoberschaffner.

Wieder entschließt sich die Bahn zur Zahlung, diesesmal in Höhe der ursprünglichen Forderung von 300.000 DM, und gibt dieses durch ein geheimes Zeichen in der Bild bekannt. Am 16. Oktober teilt Clark die Übergabemodalitäten mit. Drei Tage später gelingt der Polizei die Aufnahme der Stimme des Täters am Telefon. Diese ist jedoch ebenso verstellt wie die Schrift seiner Mitteilungen, sodass eine Veröffentlichung über Radio und Fernsehen nicht weiterführt. Ergebnis der Aktion ist lediglich ein Erfolgsschlager (s.o.) sowie weitere Anschläge. So explodiert am 5. November ein Zementrohr auf dem Gelände der DB-Direktion Hamburg.

Mit den Absprachen über die 300.000 DM-Übergabe kommt es zu einem furiosen Finale. Mehrfach scheitern Übergaben, da es Clark zu riskant erscheint. Einmal scheitert eine Übergabe in Lüneburg, ein andermal auf einer Autobahnraststätte. Es kommt zu Neuabsprachen, Neuforderungen auf der einen Seite und einer gewaltigen Polizeiaktion im norddeutschen Raum auf der anderen Seite. In einer langfristigen Ring-Fahndung werden alle Fahrzeugbewegungen um die Übergabeorte erfasst. Dabei wird mehrfach ein hellblaues Goggomobil erfasst, welches im observierten Gebiet kreuz und quer fahrend angetroffen wird. Am 22. Dezember 1967 wird am Rande der Wingst in der Nähe einer neuerlich abgemachten Übergabestelle der Goggofahrer beim Wasserlassen am Baum angetroffen und und erneut erfasst. Diesesmal sollte es um 700.000 DM gehen. Wieder fällt das himmelblaue Goggomobil auf und man reagiert. Es werden Clarks Mitteilungen mit vorhandenen Schriftproben auf Anträgen des erfassten Goggofahrers in der Kreisverwaltung verglichen, wobei sich eine immanente Übereinstimmung herausstellt. Kurze Zeit später findet die Polizei im Hause H.s 10,4 kg seines Sprengstoffes. Dieses reicht zu seiner Festnahme drei Tage vor Weihnachten 1967.

Schlusspunkt

Knapp ein Jahr danach, am 20. Dezember 1968 wird H. zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, da das Gericht es als erwiesen ansieht, dass er Verletzte und sogar Tote billigend in Kauf genommen hat. Er sitzt im Hamburger Zuchthaus Santa Fu in Fulsbüttel ein.

Über die gesamte Zeit ist die Bild-Zeitung die Kommunikationsstrecke zwischen dem Fantom und den Behörden. So hatte es der Bild-Leser Clark gefordert. In einem Schreiben an die Bundesbahn stellt er fest: "Bildzeitung hat für mich schon beste Arbeit geleistet. Verspreche sie kriegt einmal meine Memoiren." Tatsächlich kam es dann auch so, nicht jedoch von ihm sondern von seiner Frau, die der Bild das Exklusivrecht ihrer Geschichte mit Alexander Bordan H. vergab. Mit dem erhaltenen Betrag aus dem Interview kann sie die Schulden abtragen. Bis zuletzt war sie unwissend über das Doppelleben ihres Mannes, den sie als "voller Energie und Ideen" beschrieb. So baut er im Gefängnis ein `Drehflügel-Flugzeug´, für welches er ein Patent erhält. Nach seiner Entlassung zieht er mit seiner Frau nach Hamburg-Billstedt, wo er als Kraftfahrer arbeitet. Mit dem Rat: "Ich kann jedem nur von Erpressung abraten. Man hat keine Chance." tritt er 1997 letztmalig öffentlich auf.

Abrechnung

Was hatte die Aktion am Ende gekostet?

Die `Arbeitsgemeinschaft Roy Clark´, ein Topteam von 23 Spitzenfahndern aus dem Bundeskriminalamt und den Küstenländern sowie ein Heer von Kriminal-, Schutz- und Bahnpolizisten hatte etwa 2.000 Spuren verfolgt. Es waren Hubschrauber und Hunde, Radio, Fernsehen und die Printmedien eingesetzt. Durch Norddeutschland tourte eine `Wanderausstellung´ mit Asservaten, die an den Tatorten gefunden wurden. Mehrfach lässt die Bundesbahn, wie in kriegsbesetzten Gebieten im 2. Weltkrieg, Waggons vor die eigentlichen Züge kuppeln zum Schutz gegen Sprengsätze. Darüber hinaus blieben die Schließfächer im Hamburger Hauptbahnhof für drei Monate gesperrt.

Gekostet hat das Ganze etwa den Betrag der letzten Forderung H.s - 700.000 DM. Dazu kamen die menschlichen Folgen. Hatten H.s Anschläge nur zwei Leichtverletze gefordert, so erlitt ein Polizeibeamter nach einem Verkehrsunfall während einer Ermittlungsfahrt eine Gehirnerschütterung. Ein als Täter bezichtigter Mann erlitt während der Vernehmung einen Herzanfall. Ein weiterer, von der Polizei aufgrund einer Anzeige vernommener Mann, verstirbt drei Tage hernach.

Ebenso hat sicherlich H. gezahlt mit einem Leben ohne Erfüllung und in ständiger Not. Im Nachhinein betrachtet war Alexander Bordan H. alias Roy Clark alias das Fantom eine tragische Person der Geschichte, die von Kindheit an nie eine wirklich Chance zum erfüllten Leben bekommen hat. Der Spiegel schreibt dazu: "Er ist intelligent, die Psychiater werden es noch bestätigen. Studieren können hätte er, doch niemandem ist das von vornherein so unmöglich gewesen wie ihm. Er erfährt nicht einmal von seiner Intelligenz, er ist überrascht und - geschmeichelt - ungläubig, als sie ihm nach den einschlägigen Tests mitgeteilt wird. Wir müssen diese Menschen fürchten, solange wir nicht alles getan haben, um ihnen zu ihrem Platz, zu der ihnen angemessenen Ausbildung zu helfen. Denn ihre missachtete Anlage bringt sie zwangsläufig in Gegensatz zur Realität, in der sie mehr darstellen könnten, als man sie sein lässt."

Die größte Last aber hatten ab der Verhaftung die Kinder der Familie zu tragen, die sich nicht wehren und nicht verteidigen konnten gegen die Projektion des Vaters und seiner Taten durch die Bevölkerung auf sie, unter deren Folgen sie noch heute zu leiden haben.

Nachwort

Im Nachhinein kam es zu mehreren Nachahmern der DB-Erpressungen, u.a. zwei 16-jährige Lehrlinge, die 1970 versuchten, die Bahn um 15.000 DM zu erpressen und in der Tagesschau genannt zu werden. Den zweiten Erpresserbrief gaben sie bei der Bahnpolizei ab, die dabei vorsorglich Fingerabdrücke nahm und mit denen auf den Briefen verglich. Sie alle führten nicht zu ernsthaften Erfolgen der Erpresser.


Fußnoten

  1. . Bis dato nicht zweifelsfrei geklärt ist die Identität Drafi Deutschers mit einem gewissen `Hektor von Usedom´, dessen 3 Singles (zwischen 1967 und 1969 erschienen) in vielen Discographien als Drafi-Scheiben erwähnt werden. Zu einiger Berühmtheit gelangte dabei vor allem die "Roy Clark Ballade". Von Deutscher selbst, der nach seinem Niedergang infolge von Exhibitionismus verschiedene Pseudonyme verwandte, gibt es Statements in beide Richtungen: Mal verneint er jede Beteiligung an diesen Platten, mal erklärt er, dass er Hektor gewesen sei. Eindeutig nicht um Drafi-Produkte handelt es sich jedoch bei einer Single und einem Album aus dem Jahre 1975, auf denen `Gary und die Quickborner´ als Interpreten genannt werden. Als Gary agierte ein in Quickborn lebender Musiker namens Günter Beyer.
  2. Aus Rücksicht auf die noch lebenden Familienangehörigen verzichtet Cuxpedia auf die volle Namensnennung.
  3. Er bezeichnet sich später als Allroundman
  4. heute Korea
  5. Bild
  6. Hamburger Abendblatt
  7. Hamburger Morgenpost
  8. Zu der Zeit noch nicht, so wie heute, verschweißt
  9. Kommentar der Eisenbahn

Quellen

  • DER SPIEGEL 43/1967: Hat mei Bomb gezünd
  • DER SPIEGEL 1/1968: Krachen wird es
  • DER SPIEGEL 49/1968: So einen Donnerschlag musste ich haben - SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz
  • Christian Mangels: Küstenklatsch und Strandgeflüster, ISBN 978-3-8313-1973-2
  • Hamburger Abendblatt, 10. Dezember 2006: Bahn-Bomber Roy Clark - Dierk Strothmann
  • Handwörterbuch der Kriminologie, Band 4, herausgegeben von Alexander Elster, Rudolf Sieverts