Ringelnatz auf See
Als Hans Gustav Bötticher - später unter dem Künstlernamen Joachim Ringelnatz bekannt - 17 Jahre alt war, wollte er zur See fahren. Der Bruder seiner Mutter, ein weitgereister Kapitän, riet von einer Matrosenlaufbahn ab. Doch sein Vater unterstützte ihn bei seinem Vorhaben. Im April 1901 kam Ringelnatz in Hamburg an. Er sollte auf der Bark[1] ELLI[2] in Le Havre anheuern. Dorthin fuhr er mit einem französischen Dampfschiff. Die Seeleute verspotteten ihn wegen seiner eleganten Kleidung. Außerdem wurde er seekrank. Bei der Ankunft in Le Havre war er sehr enttäuscht. Ihn erwartete eine in die Jahre gekommene hölzerne Bark - kein prächtiges Schiff.
Kapitän Pommer war nüchtern freundlich, aber betrunken konnte er unberechenbar sein. Steuermann und Bootsmann waren gewalttätig. Mit einem französischen Jungen an Bord freundete sich Ringelnatz an. Außerdem hatte er einen herrenlosen Hund im Hafen aufgelesen. Der Kapitän ernannte ihn zum Kajütensteward. Als Ringelnatz den großen Kompass zum Putzen aus den Angeln gehoben hatte, ohrfeigte ihn der Bootsmann. Am 18. April verließ die Bark den Hafen Richtung Westindien. Als er nach dem Kommando zum Segelsetzen untätig herumstand, erhielt er einen Stoß ins Genick. Während der Streicharbeiten tauchte der Kapitän Ringelnatz' Arme in einen Teertopf. Mit zunehmender Fahrtdauer wurden das mitgeführte Wasser knapper und die Verpflegung schlechter. Somit gab es ständig Zank und Schlägereien. Soweit möglich suchte Ringelnatz Zuflucht bei seinem Hund. Ablenkung fand er ebenfalls beim Malen auf allen möglichen Unterlagen. Außerdem bewies er Mut. Nach seinem ersten Einsatz auf dem Klüverbaum[3] kletterte er in die Takelage und setzte sich auf die oberste Rah. Hier war er weit von seinen Peinigern entfernt.
Die Hitze im Passatgebiet ließ neue Zwistigkeiten entstehen. Ringelnatz war inzwischen von Blutergüssen übersät. Außerdem hatte der Koch seinen geliebten Hund über Bord geworfen. Als die Bark Ende Mai Guadeloupe[4] passierte, dachte der gepeinigte Schiffsjunge zunehmend an Flucht. Am 2. Juni erreichte das Schiff Belize[5]. Ihm wurde nicht gestattet, an Land zu gehen. Dann bat er den Kapitän offiziell um seine Entlassung. Kapitän Pommer lehnte ab und degradierte ihn zum Decksdienst. Nach mehreren vergeblichen Versuchen konnte Ringelnatz in den Urwald flüchten. Er versuchte auf einem mexikanischen Kriegsschiff anzuheuern. Nach einer Nacht auf einer Belizer Polizeiwache erkannten ihn zwei Matrosen der ELLI und brachten ihn zurück an Bord. Man verhöhnte ihn als Nasenbär und "Yukatandurchkreuzer". Unter sengender Sonne musste er beim Beladen des Schiffes helfen. Am 29. Juli traf die Nachricht der Reederei ein, dass man nach Europa zurückkehren soll. Tagelang konnte er nicht schlafen, weil er für irgendwelche Segelmanöver ständig an Deck genötigt wurde. Ringelnatz bemerkte auch das merkliche Nachlassen seiner Sehkraft. Die Verpflegung wurde zunehmend schlechter. Außerdem leckte das Schiff. Nun musste bei jedem Wachwechsel eine Viertelstunde lang gepumpt werden. Anfang September kam ein Orkan auf. Der hohe Wellengang störte ihn weniger als die Brutalität seiner Vorgesetzten. Später war er häufig auf Ausguckposten. Je näher man der Heimat kam, desto freundlicher wurden die Mannschaft und teilweise auch der Steuermann. Am 19. September begab sich Ringelnatz ins deutsche Konsulat in Liverpool und musterte ab.
Ende Dezember 1901 heuerte er auf dem Frachtdampfer FLORIDA an. Von Bremen führte die Fahrt bis ins Schwarze Meer.
Später fuhr er auf dem russischen Gaffelschoner[6] EMMA. Weil er dort nicht gut behandelt wurde, verließ er das Schiff vorzeitig.
Ringelnatz arbeitete auch auf einem englischen Fischdampfer.
Als Leichtmatrose war er auf den HAPAG-Schiffen COLUMBIA[7] und NUMIDIA tätig.
Auf dem Dampfer DORTMUND fuhr er 1903 nach Norwegen.
Danach teilte ihm die Berufsgenossenschaft mit, dass er nicht mehr die ausreichende Sehschärfe für die seemännische Tätigkeit habe. Er ging trotzdem mit dem Dampfer VILLA REAL auf Reise.
Sein Vater erwirkte beim Kieler Marinekommando, dass Ringelnatz Ende 1903 als Einjährig-Freiwilliger in die Kaiserliche Marine aufgenommen wurde. Darüber war er sehr erfreut. In der 2. Kompanie der 1. Matrosendivision erfolgte die Ausbildung zuerst auf dem Kleinen Kreuzer SMS NYMPHE[8] und 1904 auf der alten Glattdeckkorvette SMS CAROLA[9]. Seine Dienstzeit endete am 5. Januar 1905 mit der Entlassung als Bootsmannsmaat.
Im Ersten Weltkrieg meldete sich Ringelnatz freiwillig und diente auf mehreren Sperrschiffen. Im Verlauf des Krieges wurde er Leutnant zur See und Kommandant der Hilfsminensucher CAROLINE und FAIRPLAY VI[10].
Im Ringelnatz-Museum konnte man 2010 die Sonderausstellung "Ringelnatz an Bord" besichtigen.
Literatur
Joachim Ringelnatz: Erlebnisse auf der Bark ELLI. Martyrium eines Schiffsjungen - v. Klewitz, A. - In: Schiff Classic - 5/2026 (Juli/August) - S. 56-60
Fußnoten
- ↑ Bark: Segelschiff mit mindestens 3 Masten und mit Rahsegeln an den vorderen Masten und Schratsegel am letzten Mast
- ↑ ELLI: Dreimastbark - Baujahr 1877 - LOUIS IX. - Länge 42,42 m - Breite 8,76 m - Tiefgang 6,27 m - Vermessung 562,7 t - Besatzung 15 - 1901 in Le Havre nach Deutschland verkauft und in ELLI umbenannt - am 9. Oktober 1902 aufgrund eines nautischen Fehlers am Eingang des Weißen Meeres verlorengegangen - Besatzung konnte sich retten
- ↑ Klüverbaum: über das Vorschiff hinausragendes Rundholz
- ↑ Guadeloupe liegt in der Karibik.
- ↑ Belize: damals Britisch-Honduras - südlich von Mexiko am Karibischen Meer gelegen
- ↑ Gaffelschoner: Schoner ohne Rahsegel, der an allen Masten Stag- oder Gaffelsegel hat
- ↑ COLUMBIA: Schnelldampfer - Baujahr 1889 - Länge 145 m - Breite 16,5 m - Vermessung 7.578 BRT - Besatzung 250 - Geschwindigkeit 19 kn (35 km/h) - 1898 nach Spanien verkauft - 1899 zurückgekauft - 1904 nach Russland verkauft, in TEREK umbenannt und als Hilfskreuzer verwendet - 1907 außer Dienst gestellt und abgewrackt
- ↑ NYMPHE: Kleiner Kreuzer - Bauzeit 1899-1900 - Länge 105 m (Lüa) - Breite 12,2 m - Tiefgang 5,44 m - Besatzung 257 - Geschwindigkeit 21 kn (39 km/h) - Versuchsschiff und Begleitkreuzer der Kaiseryacht - 1907-1909 Schulschiff - August 1914 bis August 1915 Führungsschiff der Elbe-Hafenflottille - September 1915 bis Oktober 1916 Schul- und Versuchsschiff - danach Wohn- und Exerzierschiff - 1922-1924 modernisiert - 1924-1929 bei der Reichsmarine - 1932 abgewrackt
- ↑ CAROLA: Korvette - Bauzeit 1880-1881 - Länge 76,35 m (Lüa) - Breite 14 m - Tiefgang 5,8 m - Besatzung 296 - Auslandseinsätze (Pazifik, Australien) - Artillerieschulschiff - 1905 außer Dienst gestellt - 1906 verkauft und abgewrackt
- ↑ FAIRPLAY VI: Schleppdampfer - Baujahr 1901 - Vermessung 68 BRT - 1914 zur Hilfsminensuchdivision Cuxhaven eingezogen - erhielt die taktische Nummer 4 ("Boot 4") - 1919 Rückgabe an die Reederei - 1940 bis 1942 zur Marine eingezogen - 1956 verkauft und in RANGHILD umbenannt - 1957 abgewrackt
