Das Land Hadeln und die Franzosenzeit

Aus cuxpedia
Version vom 31. August 2011, 16:00 Uhr von Hartmut Braun (Diskussion | Beiträge)

(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Dieser Artikel behandelt die so genannte "Franzosenzeit" im Lande Hadeln, insbesondere bezogen auf die heute zur Stadt Cuxhaven gehörenden Kirchspiele Altenbruch und Lüdingworth. Er ergänzt insofern den Artikel über die Franzosenzeit in Cuxhaven (Ritzebüttel).

Verhältnisse vor der Franzosenzeit

In den Jahren von 1756 bis 1763 tobte in Europa der Siebenjährige Krieg zwischen Preußen, dem in Personalunion verbundenen Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover)/Großbritannien einerseits und Österreich, Frankreich und Russland andererseits. Die Auswirkungen dieses Krieges waren auch in Hadeln spürbar. Beispielsweise legte sich eine Flotte von 46 englischen Kriegsschiffen am 3. Mai 1756 wegen widriger Winde vor Cuxhaven auf Reede. Diese Flotte hatte in Stade 8.000 Mann hessische Truppen aufgenommen. Die Versorgung dieser Truppen führte zu enormen Preissteigerungen in Cuxhaven und seinem Umland. Ein Roggenbrot kostete damals 2 Mark, ein Huhn 1 Mark.
Gemeinsam mit einem zweiten Schiffsverband aus 36 Schiffen und 10.000 Mann hannoverscher Truppen, die er in Stade an Bord genommen hatte, wurden auch die hessischen Truppen von König Georg II. aus England ausgewiesen, da die Engländer ihre Freiheit in Gefahr sahen. Der erste Verband landete am 17. Dezember 1756 wieder in Cuxhaven, der zweite am 2. März 1757, da die Elbe wegen Eisgangs nicht schiffbar war. Nachdem die Truppen über das Land Wursten abmarschiert waren, mussten die Hadler die an Bord befindlichen Kanonen über Otterndorf nach Stade fahren.
Am 26. Juli 1757 wurde die alliierte Armee unter dem Herzog von Cumberland bei Hastenbeck geschlagen. Damit war der Versuch vereitelt, die fanzösischen Truppen erneut hinter die Weser zurückzudrängen. Die am 8. und 10. September geschlossene "Konvention von Kloster Zeven" verlangte, dass die kur-hannoverschen Truppen im Raum Stade blieben, während die Franzosen Hannover besetzten. Um diese Zeit flüchteten viele Hadler (und Wurster) wegen der Nähe der französischen Armee nach Hamburg oder Schleswig-Holstein. Am 26. September kam ein erstes Kommando französischer Dragoner in einer Stärke von 38 Mann in Otterndorf an. Nachdem sich der kommandierende Offizier mit den Ständen des Landes Hadeln über zwölf Sauvegarde-Briefe (Schutzbriefe) über je 24 Dukaten geeinigt hatte, reisten sie nach vier Tagen wieder ab. Am 29. September kamen abermals zwei Kompanien französische Dragoner, diesmal über Franzenburg in das Land Hadeln und quartierten sich in Altenbruch ein. Diesmal mussten 13 Sauvegard-Briefe zu je 24 Dukaten bezahlt werden, damit die Franzosen am 1. Oktober wieder abzogen. Doch schon am 5. Oktober war die nächste Zahlung fällig. Zunächst forderte ein französischer Generalmajor mit 10 Offizieren und 50 Dragonern 10.000 Rationen Fourage (Viehfutter) und 2.000 Bund Weizenstroh à 20 Pfund. Danach wollte er Winterquartier im Lande Hadeln nehmen, ließ sich aber durch die Zahlung von 25 Sauvegard-Briefen zu je 12 Dukaten davon abhalten. Nach alten Rechnungen haben diese Kontributionen dem Kirchspiel Altenbruch allein 6.918 Mark und 10 Schillinge, dem ganzen Land Hadeln wenigstens 30.000 Mark gekostet.
Im Jahre 1758 hatte das Land Hadeln 83 Trainknechte (Trossknechte, die u.a. für Pferd und Wagen zuständig waren) zu stellen und im Jahre 1759 wurde den Hadelern befohlen, 130 Rekruten auszuheben. Letzteres verweigerten die Hadler mit der Begründung, die vormaligen Herzöge von Sachsen hätten nie eine Aushebung von Rekruten gefordert. Das Ministerium in Hannover antwortete jedoch, dass dieses Recht nicht anerkannt würde, weil sich niemand der Verteidigung des Vaterlandes verschließen könne. Diesmal jedoch solle das Land Hadeln befreit sein, wenn es für jeden Mann 25 Reichstaler zahle. Das Land Hadeln zahlte hierauf 2.600 Taler so genannte "Requivalent-Gelder".
Im März des Jahres 1760 wurden erneut 133 Rekruten und 33 Trainknechte verlangt. Nachdem die Stände und der Gräfe beim Ministerium vorstellig wurden, änderte dieses die Forderung auf 166 Trainknechte. Diese brauchten nicht ausgehoben zu werden, sondern konnten freiwillig angeworben werden.
Nachdem am 30. Dezember 1761 eine erneute Rekruten-Aushebung befohlen war, zu der das Land Hadeln 300 Mann zu stellen hatte, kam am 4. Januar 1762 ein hannoversches Infanterieregiment in das Land Hadeln und ließ sich je zur Hälfte in Otterndorf und Altenbruch nieder. Es führte auch berittene Truppen und zwei Kanonen mit sich und drohte, mit Militärgewalt einzugreifen, wenn die Stände sich erneut der Rekruten-Aushebung verweigern sollten. Derart unter Druck gesetzt, nahmen die Kirchspielsgerichte die Aushebung vor, wählten aber Dienstboten und andere Personen aus, auf die man am besten verzichten konnte. Lüdingworth hatte hierzu 34 Mann zu stellen. Die insgesamt ausgehobenen 300 Mann wurde auf Kosten der Gemeinden nach Stade gebracht. Die Einquartierung des Infanterie-Regiments hat das Land Hadeln 22.002 Mark gekostet.
Trotz dieses Vorgehens der Königlichen Regierung vermochten es die Stände des Landes Hadeln und der Gräfe im Jahre 1799 erneut, die Forderung nach 205 Rekruten dadurch zu umgehen, dass das Land Hadeln insgesamt 4.100 Reichstaler Requivalent-Gelder zahlte. Von 1796 an musste das Land Hadeln einen erheblichen Beitrag zur Finanzierung der preußischen Armee leisten, die zum Schutz des nördlichen Deutschlands gebildet worden war. Nach einem Verzeichnis aus dem Jahre 1799 hatte das Land Hadeln bis dahin 347.414 Mark, 10 Schilling und 4 Pfennig zu zahlen gehabt. Außerdem hatte das Land von 1800 an Einquartierungen der verschiedensten Truppen zu ertragen und zu finanzieren.

Eigentliche Franzosenzeit

Die zu tragenden Lasten wurden unendlich größer, als das hannoversche Land im Jahre 1806 ein zweites Mal besetzt wurde. 1807 verlangte Napoleon von den hannoverschen Provinzen eine Kriegs-Kontribution (Zwangsabgabe für den Krieg im Feindesland) von 13 Millionen Franken. Zu dieser Kontribution musste jeder Einwohner mit einem Einkommen über 300 Reichstalern einen gewissen Prozentsatz zahlen, die übrigen wurden mit einer Kopfsteuer belegt. Auf diese Weise wurden 3 Millionen gedeckt, die übrigen 10 Millionen wurden durch ein Zwangsdarlehen von den vermögendsten Einwohnern aufgebracht. So hatten alleine sieben Einwohner Lüdingworths zusammen 17.000 Franken zu zahlen. Diese Erpressungen steigerten sich jedes Jahr, zusätzlich hatten die Einwohner viel unter holländischen und französischen Truppen zu leiden.
Am 1. September 1810 trat die königlich-westfälische Verfassung in Kraft, denn Kur-Hannover wurde dem Königreich Westfalen unter Napoleons Bruder Jerôme zugeordnet. Das Land Hadeln wurde in zwei Cantone eingeteilt: Otterndorf und Neuhaus. Den Canton Otterndorf bildeten die Kirchspiele: Altenbruch mit Altenwalde, Lüdingworth, Oster- und Westerende Otterndorf und die Stadt Otterndorf.
Da die Franzosen immer eine Verbindung nach England fürchteten, so lange Neuwerk nicht in ihrem Besitz war, schritt man zur Befestigung der Insel. Hierfür und auch später für den Bau der Forts du phare und Napoleon vor Cuxhaven musste Arbeitsdienst geleistet werden.
Im Oktober 1810 wurden die männlichen Geburtsjahrgänge 1785 – 1788 angeschrieben, da aus dem Departement Niederelbe 765 Mann ausgehoben werden sollten. Nur diejenigen Männer, die am 1. September verheiratet gewesen waren, "Staatsdiener" und Religionslehrer (heute: Geistliche), die im Amte standen, waren ausgenommen.
Am 13. Dezember 1810 verleibte Napoleon auch das Land Hadeln dem französischen Reich ein.
Im Jahre 1811 wurden aus den drei Departements der Elb-, Weser-, und Emsmündung 3.000 Seeleute ausgehoben und in Transporten von 100 Mann nach Antwerpen geschickt. Auch für die Landarmee wurden Rekruten ausgehoben. Der Canton Otterndorf hatte 24 Rekruten zu stellen. Am 14. März 1812 ordnete Napoleon die Bildung einer Nationalgarde an. Hierfür hatte das Elbmündungs-Departement 336 Mann zu stellen.
Napoleon hatte auch größere Pläne mit Cuxhaven und dem Land Hadeln. So hatte er vor (und die Aufmessungen hatten schon begonnen), den Rhein durch einen Kanal mit der Ostsee zu verbinden. Hierzu sollten unter anderem die Schwinge und die Oste benutzt werden. Dieser Plan kam nicht zur Ausführung. Gebaut wurde aber in den Jahren 1811 und 1812 eine Chaussee von Wesel nach Hamburg. Für den Bau dieser Chaussee waren viele Hadler zur Arbeit verpflichtet worden.
Viel zu früh freuten sich die Hadler über die Niederlage Napoleons in Russland. Deshalb wurde das Jahr 1813 für die Hadler Bevölkerung am drückendsten. Man war voreilig feindlich gegen die französischen Besatzer aufgetreten und hatte die ersten Abteilungen der Kosaken als Freunde begrüßt. Da sich aber die Franzosen in den Cuxhavener Forts länger halten konnten, rächten sie sich durch harte Kontributionen und Erpressungen. Nach Berechnungen der französischen Behörden hatte allein das Kirchspiel Altenbruch Waren (incl. Kriegssteuer) im Wert von 105.261 Mark zu liefern, Lüdingworth desgleichen in Höhe von 84.311 Mark und 9 Schilling.
Im November 1813 mussten sich die Besatzer Ritzebüttels russischen Truppen unter Oberst von Rüdinger ergeben, der gemeinsam mit einer englischen Flotte die Forts eingeschlossen und beschossen hatte. Am 3. Dezember 1813 stellte Rüdinger die hamburgische Verfassung wieder her, damit war die Franzosenzeit endgültig zu Ende.

Nach der Franzosenzeit

Nachdem die Hadler bisher von den französischen Truppen erpresst wurden, mussten sie nun die englischen und russischen Truppen versorgen. Erhebliche Menge Lebensmittel und Viehfutter mussten bei tiefem Schnee mit schlechten Wagen nach Stade und Buxtehude transportiert werden. Daneben war eine große Anzahl von Arbeitern für den Festungsbau in Stade zu stellen.
Am 14. Juli 1814 feierte man mit großer Erleichterung ein Friedensfest.
Nach dem Ende der Franzosenzeit wurde das Kurfürstentum Hannover um das Fürstentum Ostfriesland, das Emsland und das ehemalige Hochstift Hildesheim erweitert. Am 12. Oktober 1814 erhob der Prinzregent Georg, der für seinen Geisteskranken Vater Georg III. regierte, Hannover zum Königreich und nahm den Titel eines Königs von Hannover an.

Hinweis

Ergänzend hierzu siehe auch: Franzosenzeit

Literatur

Hans-Eckhard Dannenberg und Heinz-Joachim Schulze (Hrsg.): Geschichte des Landes zwischen Elbe und Weser, Band III, Neuzeit, Stade 2008, ISBN 978-3-9801919-9-9