Seefischmarkt
Von 1908 bis 2005 gab es einen Seefischmarkt mit Fischauktionen in Cuxhaven.
Der wohl erste Versuch in Cuxhaven einen Seefischmarkt ins Leben zu rufen, erfolgte im April 1891 von den Fischhändlern Robert Dohrmann, G. Ebrecht jr. und August Kempe. Nach kurzer Zeit zeigte sich, dass diese Unternehmung mit nur einem Fischdampfer nicht ausreichend erfolgreich war. Auf Initiative des Fischwissenschaftlers Hans Lübbert und der Fürsprache des Rechtsanwaltes Dr. Guido Möring[1] und des Oberregierungsrates Dr. Walther Herwig wurden 1903 und 1904 Anstrengungen unternommen, um in Cuxhaven eine Fischdampferreederei und einen Seefischmarkt zu gründen. Einflussreiche Persönlichkeiten in Hamburg sperrten sich gegen dieses Projekt. Das notwendige Kapital in Höhe von 3,5 Millionen Mark wurde nicht erbracht. Die drei Herren gaben nicht auf. 1905 wurde Hans Lübbert Hamburger Fischmarktdirektor. Albert Ballin, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, hatte zuvor in Cuxhaven neue Abfertigungshallen (HAPAG-Hallen) für die Passagierschifffahrt und weitere Hafenbauprojekte unterstützt. Jetzt teilte er dem Hamburger Senat mit, dass er eine Cuxhavener Hochseefischerei-Gesellschaft gründen wolle. Die Hamburger Bürgerschaft bewilligte 1907 1,5 Millionen Mark für den Ausbau des kleinen Fischereihafens mit Fischmarktanlagen. Mit dem Startkapital, das im Wesentlichen vom Hamburger Bankier Warburg, der Vereinsbank und von Albert Ballin kam, wurde am 12. Februar 1908 die Cuxhavener Hochseefischerei AG gegründet. Die Reederei erwarb 11 Schiffe. Die Hallen I und II sowie die Fischmarktanlage wurden errichtet. Am 23. Februar 1908 fand die feierliche Eröffnung statt. Senator O'swald hielt die Festrede. Friedrich Duge[2] wurde Leiter der "Staatlichen Fischereiinspektion Cuxhaven". Jacob Lührs war seitdem als Halleninspektor (Hallenmeister) am Seefischmarkt tätig.
Seefischmarktleiter bzw. Direktoren[3]
| Zeitraum | Personen |
|---|---|
| 1908-1919 | Friedrich Wilhelm Johann Duge |
| 1919-1937 | Johann Meinken |
| 1937-1947 | Hans Schultze und Ernst Ulrich |
| 1940-1947 | Gustav Schmidt |
| 1947-1961 | Hans Schultze und Adolf Hahn |
| 1958-1967 | Heinz Diestel |
| 1967-1984 | Dr. Michael Hauke |
| 1975-1987 | Franz Ewald Wilhelm Bullmann |
| 1984-1993 | Dr. Bruno Peschau |
| 1987-1997 | Rudolf Meiboom |
| 1997-2002 | Wolfgang Berger |
Am nächsten Tag erfolgten die erste Fischauktion und die Inbetriebnahme der Verladeeinrichtung des Fischversandbahnhofs. In den ersten zehn Monaten hatten 270 Fischdampfer, 686 besegelte Schiffe der Hochseefischerei und über 4.000 Küstenfischereifahrzeuge ihre Fänge an der neuen Anlage gelöscht: 3.400 t Fisch. 1913 waren es 11.000 t.
Im Ersten Weltkrieg wurden viele Fischereifahrzeuge als Kriegsfischkutter eingezogen. Nach dem Krieg gab es zuerst nur zwei Fischdampfer. Erst ab dem 4. August 1919 fanden wieder Fischauktionen statt. Im Herbst 1919 gab es 27 Fischereifahrzeuge. 20.000 t wurden 1920 angelandet. 1925 landeten über 100 Schiffe ihre Fänge in Cuxhaven an. In der Nachkriegszeit wurde die Infrastruktur weiter ausgebaut. Hamburg stellte 48 Millionen Mark zur Verfügung. 1921 waren der Fischereihafen um einen Kilometer nach Süden erweitert sowie die Hallen III und IV errichtet worden. Die Hallen V und VI folgten ein Jahr später. Außerdem entstand ein neues Eiswerk an der Neufelder Straße. Weitere Schritte waren der Umbau des Fischversandbahnhofs und die Errichtung einer Kaimauer aus Stahlbeton an der Westseite des Hafenbeckens.
Von 1908 bis 1923 stand der Seefischmarkt unter staatlicher Regie. Ab 1924 wurde er in Form einer Gesellschaft, der Fischmarkt Cuxhaven GmbH weitergeführt. Der bisherige Seefischmarktleiter, Johann Meinken[4] war nun Direktor.
1927 wurde in Cuxhaven ungefähr halb so viel Fisch angelandet wie in Wesermünde/Bremerhaven. In Hamburg lag die Fischmenge ähnlich wie in Cuxhaven. 61.500 t sind 1930 angelandet worden.
Im Zusammmenhang mit den zunehmenden Fischanlandungen ergriff man mehrere Maßnahmen zur Förderung des Fischabsatzes. Es entstanden ein eigener Verlag und eine eigene PR-Abteilung (damals "Propaganda-Abteilung" genannt). Lehr- und Anschauungsmaterial für Schulen und andere Bildungseinrichtungen wurde hergestellt. In Hausfrauen- und Bildungsvereinen fanden Filmvorträge und praktische Seefisch-Kochvorführungen statt. Es gab auch Ausbildungskurse für die Zubereitung von Seefisch. Hierzu kamen Personen aus allen Teilen Deutschlands. Im Anbau der Packhalle VII (heute Halle VIII) wurde extra eine Lehrküche errichtet. Außerdem half die PR-Abteilung Interessenten bei der Neueinrichtung von Fischgeschäften und von Fischbratküchen.
Für die Verarbeitung der Reste und der bei Auktionen nicht verkauften Fische entstanden Fischmehlfabriken: die Deutsche Fischmehlfabrik Lohmann & Co. und Cufida. Täglich wurden 40 t bis 50 t Fischabfälle verarbeitet. Es entstanden 12 t bis 13 t Fischmehl pro Tag sowie Tran (Fischöl). Eine weitere Fischmehlfabrik wurde in Oxstedt errichtet. 1938 kam noch die Fischmehlfabrik Hussmann & Hahn hinzu. Die Cuxhavener Krabbenverwertungsgesellschaft produzierte täglich bis zu 5 t getrocknete und gemahlene Nordsee-Garnelen, die als Beimengung zum Hühnerfutter verwendet wurden.
In den 1930er Jahren entstanden weitere Neubauten: 1931 die Halle VII und 1935 ein neuer Fischversandbahnhof sowie die Halle VIII. Der alte Fischversandbahnhof in der Präsident-Herwig-Straße wurde noch 1935 zu einer Heringssalzerei umgebaut. Die neuen Hallen lagen jenseits des Fischereihafens. Man plante 1935 einen neuen Fischereihafen parallel zur Neufelder Straße. Der erste Teil war 1939 fertiggestellt mit den Abmessungen 400 m Länge, 100 m Breite und einer Tiefe von 6,5 m bei Normalniedrigwasser. Im gleichen Jahr kam noch die Halle IX mit einer Länge von 250 m und einer Breite von 50 m hinzu. Sie wurde gleich von der Kriegsmarine und nach dem Krieg von Einheiten der britischen Besatzungstruppen genutzt.
Unter der Leitung von Johann Meinken wurde der Cuxhavener Seefischmarkt der zweitgrößte in Deutschland.
Während des Zweiten Weltkrieges bestand der Fischfang hauptsächlich aus Kutterfischerei im Küstenraum. Von über 400 Schiffen der deutschen Fischdampferflotte gingen zwischen 1939 und 1945 über 150 Einheiten verloren. Nach dem Krieg standen den Reedereien noch 40 ihrer alten Schiffe zur Verfügung.
Die Schwarzmärkte der Nachkriegszeit mit der "Zigarettenwährung" sind allgemein bekannt. Die "Salzheringswährung" an der Küste in den Jahren 1945 bis 1948[5] ist wenigeren Personen geläufig. Ein Hering hatte einen Tauschwert von 3 Reichsmark.
Beispiele für Naturalhandel 1945-1948
| Heringe | Andere Ware |
|---|---|
| 15 | 1 Schachtel Zigaretten (deutsch) |
| 35 | 1 Schachtel Zigaretten (amerikanisch) |
| 100 | 1 Paar Damenstrümpfe (Nylon) |
| 125 | 1 Flasche Rübenschnaps |
| 150 | 500 g Butter |
Außerdem gab es die "Tranwährung", weil Butter, Schmalz und Margarine kaum erhältlich und kaum bezahlbar waren. Eine 0,7 l Flasche Lebertran zum Braten entsprach dem Wert von 120 Reichsmark.
1947 meldte die GMSA[6], dass 90 % der Minen in der Nordsee aufgefunden und gesprengt worden sind. Damit waren die begrenzten Fahrwege der Fischereifahrzeuge weitgehend aufgehoben. Doch die fehlende Ausrüstung bereitete Probleme. Es gab kein Netzgarn, kein Ölzeug, keine Gummistiefel und zu wenig Bunkerkohle.
1948 wurden rund 120.000 t Fisch angelandet. Darin sind auch die ausländischen Fischeinfuhren für die britische und die amerikanische Zone enthalten.
Der verfügte Baustopp für Schiffe wurde ab November 1946 schrittweise gelockert. Zuerst durften 100 Fischdampfer (1/3 bis 400 BRT; 2/3 bis 350 BRT) hergestellt werden. 1949 waren Neubauten
bis 650 BRT erlaubt. 51 neue Fischdampfer wurden 1950 gebaut. Von den 100 Fischereifahrzeugen, die über 25 Jahre alt waren, konnten nun 44 abgewrackt werden.
Baubeginn einer Heringshalle am neuen Hafen für Salzheringshändler aus den deutschen Ostgebieten war 1947. Die damals größte Heringshalle in Deutschland wurde am 1. April 1949 eingeweiht.
Nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde das Bundesland Niedersachsen Eigentümer der Seefischmarkt GmbH in Cuxhaven. Das Land Niedersachsen hatte der Seefischmarkt GmbH eine Fläche von ungefähr 60 ha rund um den Alten Fischereihafen und um den Neuen Fischereihafen zur Nutzung überlassen. Die Seefischmarkt GmbH war verantwortlich für den Umschlag und die Auktionierung des angelandeten Fischs und zuständig für die Vermietung der dortigen Gebäude (Lagerhallen, Produktionsflächen, sonstige gewerbliche Betriebsstätten).
Bis 1971 war der Leiter des niedersächsischen Hafenamtes in Personalunion technischer Direktor des Seefischmarktes.
1951 betrugen die Anlandungen 141.200 t Fisch. Das war schon etwas mehr als in der Vorkriegszeit (1938: 139.100 t). Der weitere Ausbau des Neuen Fischereihafens (siehe 1939) erfolgte ab 1951. Die Hallen X und IXa wurden bald darauf in Betrieb genommen.
1958 war die Menge des angelandeten Fischs fast so groß wie in Bremerhaven. Hamburg, Kiel ... lagen weit dahinter.
Von 1960 bis 1961 hatte man das Hafenbecken des Neuen Fischereihafens um 500 m verlängert und das östliche Ende auf 200 m verbreitet, damit die Schiffe eine Wendemöglichkeit erhielten. Für ein tideunabhängiges und schnelleres Anlanden der Fische baute man die Seeschleuse mit einer Länge von 192 m, einer Breite von 24 m und einer Tiefe von 9,5 m unter dem mittleren Tideniedrigwasser. Einige Firmen und auch die Verwaltung des Seefischmarktes mussten weichen. Die Verwaltung zog am 10. Februar 1962 in die Halle IX.
Ab 1964 wurden der Bremerhavener Landbetrieb und die von dort aus operierenden Schiffe der "Nordsee" Deutsche Hochseefischerei nach Cuxhaven verlegt.
Rund 200.000 t Fisch sind 1971 in Cuxhaven angelandet worden.
Schutzzonen um Island
| Jahr | Schutzzone |
|---|---|
| ab 1901 | 3 sm |
| ab 1952 | 4 sm |
| ab 1959 | 12 sm |
| Anfang der 1970er Jahre | 50 sm |
| ab 1975 | 200 sm [7] |
Die Erweiterung der territorialen Hoheitsgrenzen von Island und später von Grönland, Norwegen und Kanada[8] sowie der Festlegung von Fangquoten nahmen die Fischanlandungen ab. Insbesondere die Situation um Island machte sich bemerkbar. Über 50 % der Fischanlandungen der deutschen Hochseefischerei stammten vorher von isländischen Fanggründen. Außerdem hatte man in einem internationalen Abkommen die Flottengröße der Staaten nach ihrer Küstenlänge quotiert. In Deutschland mussten daraufhin 80 % der Fangkapazitäten aufgegeben werden. Die Folgemaßnamen beinhalteten ein drastisches Verringern der Schiffsanzahl und ein verstärktes Einsetzen von Vollfrostern[9] und von Fabrikschiffen anstelle von Frischfischfängern. 1985 bestand die bundesdeutsche Hochseeflotte in Cuxhaven aus 2 Frischfischfängern und 4 Vollfrostern sowie in Bremerhaven aus einigen Frischfischfängern[10]. Die erlaubte Fangmenge der Hochseefischerei betrug maximal 280.000 t Fisch.
Das letzte Bauvorhaben des Seefischmarktes war 2003 die Errichtung eines weiteren Kühlhauses (Cuxhavener Kühlhaus Nr. 4).
Im gleichen Jahr fand die Privatisierung der niedersächsischen Hafenämter statt. Die Niedersächsische Hafengesellschaft mbH wurde als Muttergesellschaft für die neue Niedersachsen Ports GmbH & Co. KG (N-Ports), Niederlassung Cuxhaven gegründet. Gleichzeitig erfolgte die Überführung der Seefischmarkt und Hafenumschlag GmbH in die N-Ports GmbH & Co. KG. Der Auktionsbetrieb wurde Anfang 2005 eingestellt. Von den ursprünglichen Aufgaben der Seefischmarkt GmbH verbleibt bei N-Ports die Verwaltung der Liegenschaften im Hafen.
Im Jahr 2005 wurden in Cuxhaven 93.500 t Fisch angelandet.
Briefköpfe von einigen ehemaligen Unternehmen des Fischgroßhandels und der Fischverarbeitung sind auf der Seite Briefköpfe aus dem Seefischmarkt zu finden.
Literatur
- Cuxhaven, die Große Hochseefischerei und der Seefischmarkt - Schumann, N.; Hrsg.: Förderverein Schifffahrtsgeschichte Cuxhaven e. V. - Cuxhaven: Verlag Rauschenplat, 2008 - 280 S. - ISBN 978-3-93551929-X
- Der Fischmarkt Cuxhaven - Cuxhaven: Wilhelm Heidsiek Verlag - 47 Seiten - Nachdruck der Originalausgabe von 1929 - Reihe Fotohefte Band 4 - ISBN 3-927911-16-X
Fußnoten
- ↑ Guido Möhring: Mitglied des Deutschen Seefischerei-Vereins und Gründer des Hamburger Fischereivereins
- ↑ Friedrich Duge war vorher Direktor des Geestemünder Fischmarktes.
- ↑ Mit der Umfirmierung des Seefischmarktes wurden die leitenden Personen ab 1924 Direktoren.
- ↑ Johann Meinken war in Cuxhaven bis 1937 tätig. Von 1938 bis 1941 führte er die Hamburg-Altonaer Fischmärkte als Direktor.
- ↑ Am 20. Juni 1948 gab es in der Trizone eine Währungsreform.
- ↑ GMSA: German Minesweeping Administration - siehe Abschnitt "Historie" auf der Seite "Minenräumdienst"
- ↑ Entsprechend einem Interimsabkommen durften 40 deutsche Schiffe (keine Fabrikschiffe) z. T. bis zur Begrenzung der 23-Seemeilen-Zone fischen. Das Abkommen lief 1977 aus.
- ↑ Nachdem Island die 200-Seemeilen-Zone eingeführt hatte, folgten später u. a. Grönland, Norwegen und Kanada. Mit dem Seerechtsübereinkommen (SRÜ) von 1982 wurde i. A. die 200-Seemeilen-Zone (Ausschließliche Wirtschaftszone AWZ) festgelegt.
- ↑ Angelandeter Frostfisch kam nicht in die Auktion.
- ↑ Die Hochseeflotte hatte 1977 66 und 1984 19 Schiffe.