Kolonisierung

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Altes Schöpfwerk Otterndorf

Die Kolonisation Land Hadelns und damit auch Cuxhavens war weitgehend mitentscheidend für die Möglichkeit der Besiedelung.

Das heutige Land Hadeln, zu dem auch Cuxhaven gehörte, unterhalb der Hohen Lieth war weitgehend nass. Zum guten Teil war es abseits der erhöhten Küstenstreifen tiefliegendes Sietland, eine Badewanne, bestehend zum größten Teil aus Moor, in dem sich bei Regen oder Schneeschmelze das Wasser der eigenen und umliegenden höheren Geestgebiete sammelt und staut. Zu dem eigentlichen Sietland gehören die fünf Kirchspiele Oster- und Wester-Ihlienworth, Odisheim, Steinau und Wanna. Für das etwa 50.000 ha umfassende Sietland Hadelns gibt es nur ein Urgewässer als Haupt-Wasserableiter: die Medem.

Cuxhaven ist da schon besser dran. Es kann gleichzeitig durch mehrere Urgewässer entwässern, Priele, die das Hochland des Küstenstreifen durchbrachen, aber hauptsächlich dieses entwässerten. Dieses sind

Doch davon haben die Sietlandgebiete fast nichts.

Erste Besiedelungen finden um Christi Geburt auf den erhöhten Küstenstreifen, dem Hochland statt; ebenerdig. Mit zunehmender Transgression (Erhöhung des Meeresspiegels) musste auf zunehmend höheren Wurten gesiedelt werden. Teilweise mit einzelnen Höfen, teilweise mit ganzen Orten.

Nachdem es bereits im 11. Jhd. zu anfänglichem Deichbau kommt, beginnt 1106 dann die systematische Kolonisierung lt. einer Urkunde der Erzdiozöse Bremen. Da jedoch das Land Hadeln den Herzögen von Sachsen-Lauenburg unterstand, wird 1140 als Beginn der Hadeler Kolonisierung angenommen. 1185 ist erstmals urkundlich Bedeichung für den Hadeler Raum gesichert (in Ihlienworth). Die Kolonisation begann also im Land Hadeln, zu dem zu der Zeit auch das heutige Cuxhaven gehört, zwischen 1106 und 1185. Ebenso ist nicht belegbar, ob es auf hoheitliches Geheiß oder auf Eigeninitiative der weitgehend selbstverwalteten Bauernschaft eingeleitet wurde. Und letztlich ist für Land Wursten nicht nachgewiesen, ob es überhaupt einheimisch waren, die für die Entwässerung gesorgt haben oder eingewanderte, bzw. angeworbene Holländer, sogenannte Partizipanten. Tatsächlich wird aber das Land Wursten von Einheimischen `kolonisiert´ worden sein, wobei es dort weitgehend weniger um Trockenlegung, als mehr um Neulandgewinnung ging. Dagegen wird das Land Hadeln zumindestens unter starkem holländischen Einfluss gewonnen worden sein. Hierfür sprechen nicht nur die noch heute häufig zu findenden Siedlungen mit holländischen Namensgebungen wie -bruch, -brook oder -brock, später dann -hörn, -kamp, -kop oder -koop. Ebenso zeigen Luftbilder der Lande Wursten und Hadeln den augenfälligen Unterschied. Lassen sich die Wurster Flurformen als chaotisch bezeichnen, so stellen sich die Hadeler `Hollerhufen´ als streifenförmig geordnet und strukturiert dar.

Kolonisierung besteht einerseits aus Eindeichung um dem Wasserzufluss zu unterbinden und andererseits aus der systematischen Wasserabfuhr. Eingedeicht wurde einerseits gegen die Elbe mit dem Alten Hadeler Seebandsdeich, aber ebenso auch die Flussläufe, da die Sielschleuse wenn überhaupt schon vorhanden, noch in den Kinderschuhen steckte. Und schlussendlich wurde Areale eingedeicht, um auch das Wasser aus der Geest auszuschließen. Diese landesinneren Deiche sind zum guten Teil noch heute nachzuweisen.

Gleichzeitig mit der Bedeichung begann die Entwässerung des Landes und damit die Besiedelung des Sietlandes und der übrigen Feuchtgebiete. Dazu ein Blick ins Cuxhavener Weichbild.

Durch Beetgräben gewölbtes Wiesenland

Zunächst einmal wurden die sogenannten Beetgräben oder auch Binnengräben ausgehoben. D.h. es wurden durch Areale in festgelegten Abständen parallele Gräben ausgehoben und der Aushub auf die dazwischen liegenden Beete verteilt. [1] Dadurch kommt es zu einer gesteigerten Wasserabfuhr aus dem Boden, da sich nun das Wasser in den tiefer liegenden Gräben sammelt und das erhöhte Land abtrocknen kann. Sehr gut zu erkennen ist diese Kultivierung z. B. vom Fahrdamm zwischen Altenwalde und der BAB-Auffahrt Altenwalde aus. Ebenso aber auch überall im norddeutschen Küsten-Marschenraum.

So waren die Elb- und Wesermarschen im Weichbild Cuxhavens bereits im 12. Jhdt. geprägt durch die markanten langen schmalen Beete, eine Ackerform, die den zumeißt bestehenden Reihensiedlungen entgegen kam. Damit hatte man schonmal die Vorfluter. Um diese zu entwässern mussten Grabensysteme geschaffen werden als nächste Vorfluterstufe. Dieses wurden dann die größeren bekannten Gräben im Cuxhavener Gebiet, Wettern, Landwehr, Wasserlose, Sieltief, Strom oder auch Kanal oder einfach als Graben bezeichnet. Nur bei wenigen Entwässerungsgräben ist noch die Entstehung oder Entstehungszeit bekannt.

Schnell merkte man den Nachteil der nicht steuerbaren Entwässerung, wenn in heißen Sommern trotzdem fortwärend weiterhin Grundwasser abgeführt wurde. So wurden in den Abflüssen Staustufen angelegt, die mehr oder weniger weit geöffnet werden konnten.

Zunehmend verbesserte sich auch die Sielbautechnik, sodass in die Seedeiche Siele, bzw. Schleusen eingebracht wurden. Teilweise ausgehöhlte Baumstämme, aber auch Holzkonstruktionen mit selbstschließenden Klappen gegen Eindringen von Hochwasser.

So wurde Cuxhaven in der Hauptsache durch 5 Sielzüge entwässert:

  • Den Braakstrom oder die Braake in Altenbruch,
  • das Grodener Tief, welches in die Baumrönne fließt,
  • die Altenwalder Wettern zum Schleusenpriel, sowie
  • die Döser Wettern ebenso. Dazu kommt noch
  • der Oxstedter Bach, der jedoch nicht in die Elbe, sondern ins Wattgebiet entwässert.

Daneben sind noch eine Reihe weiterer Gräben oder auch ehemalige Priele vorhanden als Zuführung zu den Hauptvorflutern. Da wären in der Hauptsache:

  • Wehdem oder der Wehdemstrom, heute Altenbrucher Kanal zum Braakstrom
  • Lehstrom zum Grodener Tief und gemeinsam in die Baumrönne
  • Holstengraben zur Altenwalder und zur Döser Wettern
  • Delftstrom dito.
  • Spanger Bach zur Döser Wettern.

Neben anderen kleineren Gewässern gab er z.B. noch mitten in der heutigen Stadt einen Sielfluss, bzw. Priel, der den Holstenplatz gekreuzt haben müsste und weiter in Richtung Schloss verlief. Er mündete ebenfalls in die Altenwalder Wettern.
Grundsätzlich wird jede verkehrsmäßige Ost-West-Verbindung, also Straße oder Bahn von einem Graben/Vorfluter begleitet, der an einem Ende entwässert.

Durch die gemeinsamen Interessen der Grundbesitzer an Hochwasserschutz und Entwässerung kam es schon frühzeitig zu `genossenschaftlichen´ Zusammenschlüssen. Vorsitzende waren die Vorsteher der Kirchspiele und damit des Kirchspielgerichtes, die Schulten oder Schultheißen, unterstützt von den Schöffen. Sie waren die Verantwortlichen, was die jährlichen `Schauen´, die `Leydungen´ betraf. Sind diese Ämter aus dem politschen Leben heute weitestgehend untergegangen, bzw. auf andere Ämter übergegangen, so sind sie im Deich- und Entwässerungswesen nahezu unverändert geblieben. Mit dem Niedersächsischen Wassergesetzt vom 7. Juli 1961 wurde die Gewalt zwar verstaatlicht, jedoch hat sich mehr oder weniger nur die Schachtel geändert, der Inhalt ist der Alte. Für Cuxhaven sind seitdem zwei Unterhaltsverbände zuständig: Der Verband Land Wursten für den Oxstedter Bach und der Verband Hadeln für die restlichen, zur Elbe gerichteten Gewässer.

Die Schauen fanden ebenso wie an den Deichen auch an den Entwässerunggräben statt, da die Sicherheit der Region von beidem abhing. Es macht keinen großen Unterschied, ob das Land durch Salzwasser infolge esnes Deichbruches oder durch Süßwasser infolge unzureichender Entwässerung aufgrund mangelhafter Gräben ertrinkt. Wärend jeder Anlieger in seinen Bereich für die Unterhaltung der Deiche und Gräben verantwortlich war, haben die Schultheißen, auch Deichgraf, Gäfe oder Oberdeichgräfe genannt, die Kontrollgewalt. Jährlich bestimmten sie in einer Frühjahrs-Leydung, welche Arbeiten zum ordnungsgemäßen Zustand auszuführen sind. Im Herbst wurde in einer zweiten Schau das Arbeitsergebnis begutachtet. Dabei hatte der Anlieger anwesend zu sein; selbst oder durch Vertretung. Der Schultheiß war mit aller gebotenen Macht ausgestattet, was z.B. das Aussprechen von Strafen bei Nichterfüllung betraf, bis hin zu drastischen Maßnahmen. Wer es z.B. nicht schaffte, seinen Deichstrich in Ordnung zu halten, der hatte die Möglichkeit, den Spaten in den Deich zu stecken, zum Zeichen das er aufgab. Damit war er allerdings auch von Haus und Hof enthoben. Gründe hierfür konnten z. B. durch Sturmflut zerstörte Deiche sein.

Heute ist das Jahrhunderte alte Entwässerungssystem zum größten Teil in gleicher Form in Betrieb. Was sich geändert hat ist zum einen der Lehstrom. Er fließt heute in die Altenwalder Wettern. Und zum anderen der mittlere Meeresspiegel, ausgedrückt in Normal Null (NN). Geht man von einen Anstieg des Meeresspiegels von im Schnitt 25 cm je Jhdt. aus, so kommt man zwischen 1100 und 2000 auf einen Meeresanstieg von 2,25 Metern. Dieses hat zur Folge, dass ein natürlicher Abfluss allein durch Schwerkraft sich zunehmend verringerte. Besonders hiervon betroffen ist das ohnhin tief liegende Sietland (- 1 mNN). Aus diesem Grund wurden seit Jahrhunderten bereits Pumpen eingesetzt, um die landeinwärts liegenden Fließgewässer auf höheres Niveau zu heben. Am bekanntesten und schönsten sind dabei die Holländischen windgetriebenen Pumpwerke. Mit Einführung des Motors wurde dann die Leistung erheblich gesteigert. So hatte das 1928 in Betrieb genommene Otterndorfer Diesel-Schöpfwerk der Medemmündung einen Propellerdurchmesser von 3,90 Metern bei einer Pumpleistung von 24 m³/s. Damit war es zu der Zeit die weltweit größte Propellerpumpe. Noch heute trägt sie den Titel für Europa.

Aufgeteilt war dieses System in Stufen. Vor Ort im Tiefland kleine Polderschöpfwerke, in den folgenden Abflusskanälen entsprechend leistungsfähigere Stufenschöpfwerke, zuweilen mehrere gestaffelt und schlussendlich parallel zu einer Sielschleuse zum Außendeichsland das Mündungsschöptwerk.

Ein weiterer Effekt dieser Mündungsschöpfwerke ist die kontinuierliche Abfuhr des Wassers auch bei besonderen Hochwassern oder Sturmfluten.

Abweichend von den Cuxhavener Gegebenheiten stellte sich die Situation im Sietland dar. Die Sietländer hatten mit verschiedenen Handikaps zu kämpfen:

  • So unterliegen die natürlichen Priele der Tide der Elbe. Dadurch waren die Zugzeiten, also die Zeiten der Ebbe, in der allein Wasser abgeführt werden konnte, von vornerein eingeschränkt.
  • Dazu liegen die Sietlandgebiete nur knapp über Niedrigwasser, was die Zugzeiten aufgrund des fast vernachlässigbaren Abfließwinkels nochmals verringert.
  • Drittens sind die schmalen Priele nicht in der Lage, die Wasser nach Regen oder Schneefall aufzunehmen. Die bestehenden eigentlichen natürlichen Sietlandgräben sind kleine Rinnsale, die bei jeder Gelegenheit sofort überlaufen. Und
  • zudem liegt das Sietland zu weit landeinwärts, um noch groß auf die Abflüsse zugreifen zu können. So verbleibt alleinig die Medem.
  • Und letztlich die schon erwänte tiefe Lage des Sietlandes mit etwa -1 Meter unter NN. Und so bleibt das nasse Sietland nass, moorig und unbewohnt.

Mit der beginnenden Trockenlegung des Sietlandes ging man dann dabei, den vorhandenen Torf abzustechen und die darunterliegende Kleischicht abzutragen. Diese war dafür verantwortlich, dass das stehende Wasser nicht ins Erdreich versickern konnte. Erst darunter stieß man dann auf die landwirtschaftlich nutzbare Alte Marsch. Nebeneffekt hierbei war die weitere Vertiefung des Sietlandes. So kommt man hier auf Hohenunterschiede zum Meeresspiegel von mehreren Metern. Hier besonders fanden die o. genannten Motor-Schöpfwerke ihren Einsatz, nachdem man 1768 vergeblich versucht hatte Windschöpfwerken zu etablieren.

Trotz allem kommt es immer wieder zu großräumigen Überschwemmungen mit allen Folgen: Marschenfieber (Malaria), teilweise auf Jahre unbrauchbare Böden, Wegfall der Verkehrsverbindungen mit Ausnahme der Wasserwege. Letztendlich ausreichenden Erfolg brachte dann erst der Bau des Hadeler Kanals 1852 als Entlastung für die Medem. Nach mehreren Versuchen 1662 zur Elbe und 1768 zur Weser wurde dann der heutige Kanal vollendet, der nun ungefähr die Hälfte des 50.000 ha großen Sietlandes entwässert. Erst seitdem kann man das Sietland als kultiviert betrachten.

Bilder


Fußnoten

  1. Aus Hoffmann v. Fallersleben - Mein Leben: Aufzeichnungen und Erinnerungen - 1845 - "In den Gräben, soweit sie eingefriedet sind, wächst Schilf, das als Viehfutter oder zum Dachdecken verwendet wird. Alle sieben Jahre reinigt man die Gräben, das ausgeschachtete Erdreich dient wieder als Dünger, das Schilf hat tiefe Wurzeln und kommt bald wieder zum Vorschein."